Emil Erlenmeyer (1825 - 1909)

Der erste Abteilungsleiter der Chemie, sozusagen der "Gründungsdekan" unserer Fakultät, ist Emil Erlenmeyer.
Emil Erlenmeyer studiert von 1844 bis 1850 in Gießen und in Heidelberg Pharmazie und Chemie. In Gießen ist er Schüler und später Unterichtsassistent von Liebig. Nach einem eher halbherzigen Start als Apotheker habilitiert er sich 1857 bei Bunsen in Heidelberg mit einem Thema über die zu dieser Zeit immer bedeutender werdenden Kunstdünger.
Erlenmeyer gründet in einer alten Küche ein chemisches Privatlaboratorium das innerhalb kürzester Zeit ein wichtiger Treffpunkt für an strukturtheoretischen Betrachtungen interessierter Chemiker wird. Auch der bedeutende Chemiker Kekulé tritt diesem Kreis bei. Auf dem internationalen Chemikerkongreß in Karlsruhe lernt Erlenmeyer den russischen Chemiker Butlerow kennen und beteiligt sich zunehmend am Streit der unterschiedlichen chemischen Strukturtheorien. 1859 wird er Redakteur der Zeitschrift für Chemie, Pharmazie und Mathematik und vertritt dort äußerst streitbar seine Meinung. Von wesentlicher Bedeutung sind Erlenmeyers Bemühungen, das damalige Chaos, in dem sich die organische Strukturchemie durch die zunehmende Zahl bekannter Verbindungen befand, durch klare und unzweideutige Begriffsbestimmungen zu klären. 1862 macht er durch die erstmalige exakte Definition der Mehrfachbindung den Weg frei für Kekulés Benzolformel "... daß im Äthan C2H6 zweimal eine, im Äthylen zweimal zwei und im Acethylen zweimal drei Affinitäten des Kohlenstoffs miteinander verbunden sind...".

In einem Lehrbuch benutzt Erlenmeyer als erster konsequent die noch heute übliche Coupersche Schreibweise für Strukturformeln und verhilft dieser damit zum Durchbruch. 1863 wird er Professor und 1868 auf Vorschlag Liebigs an die polytechnische Schule in München berufen. 1873 wird Erlenmeyer Mitglied der bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1874 Vizepräsident und 1884 Präsident der Deutschen Chemischen Gesellschaft. Von 1877 bis 1880 ist er zudem Direktor der Technischen Hochschule in München.
In München beschäftigt er sich weiter intensiv mit der Struktur organischer Verbindungen. Er klärt die Konstitution von Naphthalin, Guanidin und Tyrosin und findet für die beiden letzten Verbindungen auch erste Synthesen.

Als Hochschullehrer ist Erlenmeyer außerordentlich erfolgreich. Er setzt sich nachdrücklich für das Promotionsrecht und die Gleichberechtigung der Technischen Hochschule gegenüber der Universität ein. 1883 wird er aus Gesundheitsgründen vorzeitig emeritiert.
Sehr eng ist die Beziehung Erlenmeyers zur chemischen Industrie. Er beteiligt sich an mehreren Unternehmen und ist Berater der von Liebig als Düngemittelwerk mitgegründeten chemischen Fabrik Heufeld in Oberbayern, der Vorgängerin der heutigen Südchemie. Im Anschluß an seine Hochschultätigkeit übernimmt er weitere Beratertätigkeiten, u.a. auch für Reichtagsabgeordnete.

Über seine exzellenter Leistungen als Strukturtheoretiker hinaus beweist Erlenmeyer sein praktisches Geschick durch Erfindung eines kegelförmigen Glaskolbens, der auch heute noch als Erlenmeyer-Kolben in jedem Laboratorium Verwendung findet.

© Copyright 2000, Dr. Eric Fontain, TUM