Heinrich Wieland (1877 - 1957)

Im Bemühen, auch während der schwierigen Zeit des ersten Weltkrieges den Forschungsbetrieb qualifiziert fortzuführen, holt Gustav Schultz, der Vorstand der chemischen Abteilung, Heinrich Wieland an die TH München.
Heinrich Wieland, Sohn eines Chemikers in einer Gold- und Silberscheideanstalt, promoviert 1901 nach einem Chemiestudium an den Universitäten München, Berlin und Stuttgart bei Thiele in München. Seine in den folgenden Jahren durchgeführten Arbeiten über die Addition von N2O3 an Doppelbindungen, die 1904/5 auch Thema seiner Habilitation sind, führen zum Schluß, daß N2O3 die Konstitution ON-NO2 besitzt und sich bei der Addition wie ein Pseudohalogen verhält.
Im folgenden greift er Liebigs Arbeiten an der Knallsäure auf, mit der dieser erstmals das Phänomen der Isomerie zur Cyansäure entdeckt hat. Wieland beschäftigt sich hauptsächlich mit den primären Polymerisationsprodukten der freien Knallsäure, der Metafulminursäure, der Isocyanilsäure und deren elf isomeren Umwandlungsprodukten.

Wieland führt intensive Untersuchungen über die Dissoziationsreaktion substituierter Hydrazine durch. 1911 gelingt es ihm zu zeigen, daß das von ihm erstmals dargestellte Tetraphenylhydrazin beim Erhitzen in Diphenylstickstoff, ein grün gefärbtes Radikal des zweiwertigen Stickstoffs zerfällt.

Ab 1912 wendet sich Wieland vermehrt dem Studium der Naturstoffe und den Vorgängen in lebenden Organismen zu, wobei ihn hier vor allem die katalysierten Oxidationsreaktionen interessieren. Er kann zeigen, daß auch ohne freien Sauerstoff Oxidationsreaktionen stattfinden können, wenn z.B. Chinone oder Methylenblau als H-Acceptoren den katalytisch aktivierten Wasserstoff übernehmen. Hierüber gerät er mit Warburg in einen heftigen Disput.
1917 wird Wieland an die Technische Hochschule in München berufen, wo er seine Arbeiten über organische N-Verbindungen, die Dehydrogenierung und die Strukturaufklärung von Naturstoffen fortführt. Einem gleichfalls kurzen Aufenthalt ab 1921 in Freiburg folgt 1925 der endgültige Ruf an die Universität München als Nachfolger von Willstätter.
Eine bereits 1912 begonnene und in enger Zusammenarbeit mit seinem Freund Windaus durchgeführte Strukturaufklärung mittels oxidativer Ringöffnung und Prüfung des Verhaltens der entstehenden Di- und Polycarbonsäuren führt zur Konstitutionsermittlung der Gallensäuren. Diese meisterhafte Arbeit wird 1927 mit dem Nobelpreis gewürdigt.

Neben den Gallensäuren erstreckt sich Wielands Interesse an Naturstoffen hauptsächlich auf stickstoffhaltige Verbindungen, wie z.B. die Lobelienalkaloide, die er nicht nur isoliert und deren Konstitution ermittelt, sondern auch synthetisiert. Darüberhinaus arbeitet er sehr intensiv an Morphium- und Strychnos-Alkaloiden, Kröten- und Curaretoxinen, den Insektenfarbstoffen aus der Gruppe der Pteridine und den Toxinen des Knollenblätterpilzes, einer Aufgabe, der sich später auch sein Sohn Theodor Wieland sehr erfolgreich widmet.

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